Von Ingeborg Schwenke-Runkel, 26.02.08, 16:57h, aktualisiert 25.08.08, 14:30h
Flüstern, singen, Gedichte aufsagen, Bibeltext lesen, Flöte spielen: Im flackernden Rhythmus des Kerzenlichts tanzten dazu die Farben des Glasfensters auf den Wänden der Flure. Das Blau und Grün, Rot und Gelb verfing sich in den Stäben des Treppengeländers. Das Gestänge war unten am Fuß zu Dreiergrüppchen gebündelt und wuchs geradewegs nach oben hin zum Griffbrett - wie Tulpenstiele, auf die die Sonne scheint und sie hochzieht. Schien die Sonne, draußen, leuchtete das Fenster: ein grandioses Kunstwerk von Georg Meistermann. Es bezieht die gesamte Höhe des Treppenhauses ein - das Glasfenster charakterisiert den Vorzeigebau aus den späten 50ern.
Welche Bedeutung der Name Meistermann damals, 1960, hatte, war uns Mädchen und jungen Frauen kaum bewusst. Die Wirkung dieser Glasarchitektur, mit der sich der Kölner Künstler in Leverkusen verewigt hat, ging jedoch an keiner von ihnen vorüber. Der Lichteinfall prägt die Atmosphäre im Hauptgebäude der Schule bis in die Gegenwart. Vor 50 Jahren war sie noch fest in weiblicher Hand. Eine reine Mädchenschule vor und hinter den Pulten. Unterrichtende Lehrer waren in der Minderheit.
Denn beide Geschlechter zusammen in einem Klassenraum? Nein, das ging denn doch zu weit, in den ehrpusseligen Adenauer-50ern. Schlimm genug, das zwölfjährige Zopfträgerinnen verstohlen vom Schulhof des alten Gebäudes nach oben schielten, weil dort, aus der dritten Etage, Jungs aus dem Fenster nach unten spinxten. Denn, so waren die Verhältnisse bis weit in die Mitte der 50er Jahre, als sich in dem Gebäude des ehemaligen Carl-Duisberg-Gymnasiums Jugendliche beiderlei Geschlechts knubbelten und doch unter keinen Umständen knutschen durften: Zwei Schulen beherbergte das Gebäude von Wilhelm Fähler aus den späten 20ern in der Nähe der Doktorsburg. Im Haupttrakt lernten die Jungs. Im Quertrakt, etwas später parallel zur Dhünn gebaut, die Mädchen und jungen Damen des Lyzeums und der „Frauenoberschule“.
„Puddingabitur“ nannten die „richtigen“ Gymnasiastinnen“ deren Abschluss wegen der eingeschränkten Möglichkeiten zum Hochschulstudium. Die naturwissenschaftlichen Räume, den Zeichen- und Musiksaal teilten sich die Schulen. Das war eng. Und hart für die aufsichtsführenden Lehrerinnen - wegen der Gefahr, dass sich die Geschlechter begegneten, annäherten, gar berührten. Ganz zufällig auf dem Flur. Solches musste verhindert werden.
In Protokollen der Lehrerkonferenzen des Mädchengymnasiums zieht sich die Furcht vor den Begegnungen der anderen Art wie ein roter Faden: „Denjenigen, die Hofaufsicht haben, wird empfohlen, den Verbindungsgang zum Knabenschulhof besonders zu überwachen“, hieß es im Oktober 1931. Neue Ermahnung: „Der Jungenschulhof wird in keinem Fall als Durchgang von unseren Schülerinnen benützt.“ Das Wort „keinem“ ist unterstrichen. Und doch schienen alle Vorsichtsmaßnahmen nicht gefruchtet zu haben. 1947 heißt es: „Es ist mit aller Strenge gegen das Überhandnehmen der »Freundschaften« unserer Schülerinnen mit Jungs vorzugehen.“
Dieses Problem löste 1960 die räumliche Trennung. Zum Ende des Schuljahres, damals immer zu Ostern, wurden die Kisten mit Büchern und Akten gepackt. 554 Mädchen bezogen die neuen Räumen rund 400 Meter von der „alten Penne“ entfernt. 32 Kollegen gehörten zum „Lehrkörper“, an der Spitze Charlotte Niederhommert.
Am 10. Januar 1958 hatte Oberbürgermeister Wilhelm Dopatka den ersten Spatenstich für einen Schulhaus-Neubau getan. Das Gelände, auf dem Feldhandballer und Fußballer von Bayer 04 trainierten und spielten, lag ebenfalls am Stadtpark, nicht weit weg vom Schwimmbad. Die Turnhalle war zuerst fertig. Dort machte Ingrid Mayer 1959 Sportabitur, doch wenn sie vor ihrem inneren Auge das Album der Erinnerung aufklappt, entdeckt sie darin keine gymnasiale Großbaustelle. „Außer der Turnhalle sehe ich gar nichts“, sagt sie. Darüber wundert sich die heute 68-jährige pensionierte Studiendirektorin, die Französisch und Latein lehrte. Allerdings fühlt sie noch immer die Erleichterung, als junge Studienassessorin 1966 nicht wieder in den düstern Kasten der Carl-Duisberg-Schule zurückkehren zu müssen, wo sie als Gymnasiastin neun Jahre die auf der Schulbank saß. „Das neue Gebäude war so schön hell.“ Was sie ebenso schätze: die Lehrerinnen, die jetzt ihre Kolleginnen wurden.
Hell und heiß
Hell war es im ersten Bauabschnitt der Schule, hell und im Sommer heiß, denn alle Klassenräume lagen in südlicher Himmelsrichtung. Die Jalousien schützen nur wenig. Zu jeder Klasse gehörte ein eigener Garderobenraum. Darin ließ sich wunderbar Verstecken spielen. Der Architekt und damalige Baudirektor Hans Krajewski hatte dieses lichte Gebäude entworfen. Die nüchterne Bau-Beschreibung: Stahlbetonskelett mit hellen Klinkerplatten bekleidet - charakteristische Merkmale der 50er-Jahre.
Feingliedrig gestaltete Außenfronten prägten den eleganten Schulneubau. Zum Komplex hatte Krajewski, der Vater des späteren Baudezernenten Hans-Eckart Krajewski, eine Aula mit abgerundetem Dach vorgesehen. Sie hätte den 50er-Jahre-Spätstil noch verstärkt. Doch so, wie skizziert, wurde dieser Teil nie gebaut. Die Ästhetik dieses Lernhauses ging allerdings auf Kosten des Praktischen: Zur oberen Etage im Verwaltungstrakt gehört bis heute eine Terrasse, die das leicht schräg fallende Flachdach „auffängt.“ Doch für diesen Westbalkon heißt und hieß es: Betreten verboten. Zu gefährlich für die Schülerinnen und Schüler, und offenbar auch für die Lehrer. „Darüber habe ich mich immer geärgert, denn die Aussicht von dort ist herrlich, in den Park, Richtung Dhünn und bis nach Wiesdorf.“ Den geschärften Blick fürs Grüne hat Ingrid Mayer indes behalten. Sie ist die Sprecherin des Bund für Umwelt und Naturschutz in Leverkusen.
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