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Schaden ersetzt - aber die Angst bleibt

Von THOMAS KÄDING, 06.03.08, 17:35h

53 000 Euro erhält Joachim Reichel vom Klinikum Leverkusen - Mangelhafte Behandlung. Die Leidensgeschichte des heute 68 Jahre alten Patienten begann 1997. Damals war er vom ehemaligen Chefarzt Jürgen Ahlers operiert worden und saß anschließend im Rollstuhl.

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Die Leidensgeschichte des heute 68 Jahre alten Patienten begann 1997. Damals war er vom ehemaligen Chefarzt Jürgen Ahlers operiert worden und saß anschließend im Rollstuhl.

Drei Operationen in der Chirurgischen Abteilung des Klinikums, zwei weitere in der Werner-Wickert-Klinik in Bad Wildungen - erst danach besserte sich der Zustand von Joachim Reichel; der Rollstuhl steht wieder in der Ecke. Arbeitsfähig wurde der Technische Prüfer im Rechnungsprüfungsamt der Stadt allerdings nicht mehr.

Die Leidensgeschichte des an Morbus Bechterew erkrankten Leverkuseners beginnt im Herbst 1997: Er stürzt und bricht sich einen Wirbel. Am 11. September wird er im Klinikum erstmals operiert, besucht danach die Eifelhöhen-Klinik in Marmagen zur Rehabilitation - und landet Ende November wiederum im Klinikum. Am 8. Dezember operiert der damalige Chefarzt Jürgen Ahlers erneut, alles scheint in Ordnung zu kommen: Der Patient kann die Beine bewegen, der komplizierte Eingriff, bei dem Schrauben in die Wirbel gedreht werden, um die Säule zu stabilisieren, ist augenscheinlich geglückt.

In der Nacht zum 9. Dezember verändert sich das Bild plötzlich: Die Beine des damals 58 Jahre alten Mannes werden taub, im Klinikum beginnt man sich zu fragen, was plötzlich geschehen sein könnte. Ahlers und sein Team beratschlagen mit Kollegen, was zu tun sei. Es wird geröntgt, man gibt Cortison - darüber vergehen drei Tage - und operiert am Ende erneut. Dieser Abwägungsprozess hätte schneller gehen müssen, urteilt am Mittwochnachmittag Gutachter Rudolf Beisse, ein Chirurgie-Professor und Chefarzt aus Murnau, der deutschen Nummer eins in Sachen Wirbelsäulen-Operationen. Wenn der Patient gelähmt sei, „müssen die Alarmglocken läuten“, man müsse operieren - am besten binnen sechs Stunden, jedenfalls „je früher, desto besser“, legt er sich vor dem Kölner Landgericht fest. Für die dreitägige Verzögerung im Klinikum ist dem Gutachter „kein Grund ersichtlich“. Er sehe daher „Verstöße gegen die Behandlungsregeln“, allerdings keinen „Fehler, der dem Arzt anzulasten ist“: ein juristisch entscheidender Unterschied, den gestern auf Befragen auch Jürgen Ahlers hervorhebt. Der Murnauer Chefarzt erkennt indes einen weiteren Mangel: Ahlers operiert „nicht nach dem Standard, den man auch 1997 voraussetzen kann“: Reichels Wirbelsäule wird nicht über eine längere Strecke stabilisiert - hätte Ahlers das gemacht, wäre die Krankengeschichte des Patienten „zu 90 Prozent“ anders verlaufen, glaubt Beisse. So wird Reichel zwar insgesamt drei Mal im Klinikum operiert, ist aber lange bewegungs- und am Ende berufsunfähig.

Besserung bringen erst zwei weitere Operationen im Jahr darauf: Am 2. Dezember legt sich Reichel in Bad Wildungen nochmals unters Messer. Die Operateure in der Werner-Wickert-Klinik gehen anders vor als Ahlers, nämlich so, wie es der Gutachter sich vorstellt: Sie stabilisieren die Wirbelsäule des Morbus-Bechterew-Patienten auf größerer Länge, doch auch sie müssen einige Monate später ein zweites Mal ran: Ein Stabilisierungsstab in Reichels Wirbelsäule bricht und wird ersetzt. Der Langzeitpatient beschreibt sich indes schon nach dem ersten Wildunger Eingriff als „mal beschwerdefrei“; am Montag in Saal 120 des Landgerichts kann er sich recht gut bewegen.

Für Dietmar Reiprich, den Vorsitzenden Richter, ergibt sich aus den gutachterlichen Aussagen, dass die „zögerliche Diagnostik“ im Klinikum Leverkusen und auch die vom später entlassenen Chefarzt Jürgen Ahlers gewählte Operationsmethode den Patienten geschädigt haben. Weil das aber nur mangel- und nicht fehlerhaft war, schlägt er einen Vergleich vor, den alle Parteien akzeptieren: Joachim Reichel bekommt vom Klinikum 53 000 Euro, das ist gut die Hälfte des materiellen Schadens, der ihm entstanden ist. Über seine Schmerzen und die Angst, den Rest des Lebens querschnittsgelähmt zu sein, spricht an diesem Abend niemand.



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