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Es bleibt kaum noch Zeit zum Luftholen

Von ANA OSTRI´C, 10.03.08, 08:29h

Das „Turbo-Abitur“ sorgt für Gesprächsstoff. Der „Leverkusener Anzeiger“ lässt Eltern, Lehrer und die Schulleitung des Lise-Meitner-Gymnasiums zu Wort kommen.

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Können mitreden, wenn es um die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit von neun auf acht Jahre geht (von links oben nach rechts unten): Guni Sonnenberg, Elke Saßmannshausen, Ulrike Schorn-Kussi, Rainer Schulz, Regina Herweg und Manfred Pulm.
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Können mitreden, wenn es um die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit von neun auf acht Jahre geht (von links oben nach rechts unten): Guni Sonnenberg, Elke Saßmannshausen, Ulrike Schorn-Kussi, Rainer Schulz, Regina Herweg und Manfred Pulm.
Das „Turbo-Abitur“ sorgt für Gesprächsstoff. Der „Leverkusener Anzeiger“ lässt Eltern, Lehrer und die Schulleitung des Lise-Meitner-Gymnasiums zu Wort kommen.

Rhein-Wupper - Mit Beginn des Schuljahres 2005 / 06 ist die gymnasiale Schulzeit von neun auf acht Jahre verkürzt worden. „G 8“ wird diese bildungspolitische Reform auch genannt. „G“ steht für Gymnasium - oder für genervt. Das nämlich sind vor allem die Eltern jener Kinder, die die Schule künftig schon in der Stufe zwölf mit dem Abiturzeugnis verlassen werden.

„Es gibt immer mehr Eltern, die keinen Rat wissen“, berichtet Guni Sonnenberg, Vorsitzende der Schulpflegschaft des Lise-Meitner-Gymnasiums. Vor allem die Kinder in den jetzigen Klassen fünf bis sieben - diese Jahrgänge sind schon von „G 8“ betroffen - seien „mehr und länger mit Schule beschäftigt“ als bisher üblich. Weil die sechsjährige Unter- und Mittelstufe der Gymnasien per Gesetz auf fünf Jahre zusammengestaucht wurde, ohne gleichzeitig auch die Lehrpläne zu entrümpeln, ist die Zahl der Schulstunden gestiegen. Regina Herweg, Mutter eines Sechstklässlers, hat gemeinsam mit anderen Eltern ausgerechnet, dass die Kinder - Unterricht und Hausaufgaben zusammengenommen - eine 44-Stunden-Woche haben. Die Eltern wandten sich schließlich an die Lehrer. Inzwischen werden weniger Hausaufgaben aufgegeben.

Schulleiter Manfred Pulm hat Antworten auf die Fragen gesucht, die sich als Folge von „G 8“ stellen. Gemeinsam mit den Lehrern und Elternvertretern hat er sich für die Neuorganisation des Schultags entschieden. „Partieller Ganztag“ nennt sich das Zeitkonzept: Dreimal in der Woche endet der Unterricht für die Sekundarstufe I nach der sechsten Stunde, an zwei Langtagen lernen Unter- und Mittelstufe bis zur achten Stunde. Die Mittagspause beträgt 55 Minuten und findet auch an den Kurztagen statt, denn dann laufen am Nachmittag Kurse der Oberstufe sowie für die Unter- und Mittelstufe verschiedene freiwillige Arbeitsgruppen. Eine warme Mahlzeit können die Schüler im Eine-Welt-Café einnehmen. Auch wenn die Mittagspause in zwei Schichten stattfindet, gibt es ein Platzproblem. „Bis zu 300 Schüler haben gleichzeitig Mittagspause“, so Pulm, „Platz ist aber nur für 60.“ An dieser Stelle zeigt sich ein weiterer Knackpunkt der Reform. Sie wurde eingeführt, ohne dass die notwendige Infrastruktur zur Verfügung gestellt worden sei, kritisiert der Schulleiter. So fehlt es auch an Aufenthaltsräumen für die Pausengestaltung und Arbeitsräumen für die Lehrer. An den Langtagen endet der Unterricht um 16.15 Uhr. Die Fünftklässler müssen nur einmal wöchentlich so lange die Schulbank drücken, für die übrigen Unter- und Mittelstufenklassen stehen zwei Langtage auf dem Stundenplan. Hausaufgaben gibt es dann für die Fächer des nächsten Tages nicht auf.

Zeit für Hobbys bleibe aber trotzdem kaum, beklagt Elke Saßmannshausen, Mutter zweier Schüler. Viele Kinder müssten wegen „G 8“ auf Sportverein oder Musikunterricht verzichten. Während die Eltern sich gegenseitig unterstützen und privat Nachhilfe organisieren, arbeitet die Schulleitung an einem Förderkonzept. „Die Schule möchte die Mehrbelastung abfedern, Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe anbieten“, erklärt Ulrike Schorn-Kussi, stellvertretende Schulleiterin. Die Lehrer sehen die Auswirkungen von „G 8“ in den Lehrplänen, die aber bislang noch nicht für jedes Fach umgeschrieben wurden. Politiklehrer Rainer Schulz bemängelt: „Wir wissen, dass wir nicht mehr so in die Tiefe gehen können.“ Und er glaubt, dass schwache Phasen in einem Schuljahr nicht mehr so leicht aufgefangen werden können, weil im Unterricht kaum mehr Zeit zum Wiederholen bleibe. Schulleiter Manfred Pulm indes fürchtet nicht, dass es wegen der Schulzeitverkürzung mehr Abbrecher geben werde: „Die Zahl derer, die das Gymnasium nach der sechsten Klasse verlassen müssen, scheint nicht zu steigen.“

Trotz aller Kritik und allem Unmut, haben sich Eltern, Lehrer und Schüler auch Gedanken über die Vorteile gemacht. In einem großen Schaubild haben sie Probleme und Chancen gesammelt. „Die verlässliche Betreuung an den Langtagen ist für die Eltern ein Vorteil“, erklärt Guni Sonnenberg. Für die stellvertretende Schulleiterin Ulrike Schorn-Kussi ist der frühere Schulabschluss etwas Positives im Sinne einer früheren Selbstständigkeit. Wichtig ist - und darüber herrscht Einigkeit - die öffentliche Diskussion über „G 8“. Dann könne sich an der Situation etwas ändern, betont Sonnenberg: „Nur so können wir Druck auf die Politik erzielen.“

Gymnasium Leichlingen

Am Leichlinger Gymnasium beginnt das erhöhte Stundenpensum in der Klasse sechs. Die Schüler der sechsten und siebten Klassen - betroffen von „G 8“ - müssen einmal in der Woche bis nachmittags in der Schule bleiben. Schulschluss ist dann spätestens um 15.45 Uhr. Schulleiter Uwe Schellin beklagt das Fehlen einer für ganztägigen Unterricht notwendigen Infrastruktur. „Wir haben eine Über-Mittag-Verpflegung durch einen Catering-Service“, erklärt Schellin. Gegessen wird in einem Klassenraum, „das ist im Moment noch nicht so ideal“. Die Oberstufenschüler seien mangels Platz außen vor „und versorgen sich selbst“. Hoffnung bereitet ihm, dass die Stadt Leichlingen die Notwendigkeit sieht, eine Mensa zu errichten. Verwaltung und weiterführende Schulen haben sich in einem Arbeitskreis zusammengetan. Guten Mutes sei er, so Schellin, dass sich die Pläne für eine Mensa in Leichlingen schneller realisieren ließen als in Leverkusen.

Neben einer Mensa benötige die Schule als Folge der Bildungsreform aber auch mehr Arbeitsplätze für die Lehrer, die sich länger als früher in der Schule aufhielten: „Im Lehrerzimmer kann man nicht arbeiten.“ Schellin hätte sich gewünscht, dass sich die Landesregierung mit der Einführung von „G 8“ etwas mehr Zeit gelassen hätte. Noch immer gebe es keine „angemessenen Lern- und Unterrichtsmaterialien“, beklagt Schlellin. „Die Lehrpläne sind auch noch nicht ausgearbeitet. Über Für und Wider der Schulzeitverkürzung lasse sich streiten, meint der Leichlinger Rektor: „Ich bin da unentschieden.“



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