Erstellt 16.12.08, 16:31h, aktualisiert 16.12.08, 17:47h
KÖLNER STADT-ANZEIGER / LEVER KUSENER ANZEIGER: Frau Tokple, Sie haben drei Tage lang auf Einladung von British Council, der Organisation für Bildung und kulturelle Beziehungen in 100 Ländern, die UN-Klimakonferenz in Polen besucht. Das war der Preis für ihren Einsatz in Sachen Klimaschutz.
FIONA TOKPLE: British Council hatte einen Wettbewerb ausgeschrieben. Wir mussten ein Video produzieren. Gemeinsam mit meiner Mutter habe ich ein Bühnenbild gebaut, Texte geschrieben. Das Konzept beinhaltete, dass ich bereits auf dieser Konferenz bin und Jugendlichen erzähle, um was es beim Klimaschutz geht. Und dann wurde ich plötzlich eingeladen.
Sie sind dort in Posen mit vielen Jugendlichen aus allen Ländern der Welt zusammengetroffen. Welche Erfahrungen haben Sie gesammelt?
TOKPLE: Es gab ein besonders bewegendes Erlebnis. Es waren die Erzählungen von Indianern und Inuit, die über ihre Erfahrung mit dem Klimawandel berichteten und darunter akut leiden. Wie sie ihren Lebensraum verlieren. Diese Begegnung mit den Betroffenen aus Bangladesh oder anderen Ländern war ungeheuer berührend. Und man denkt sich: Warum passiert nichts? Warum wird Geld bereitgestellt, eine Wirtschaftskrise zu bekämpfen und nicht für den Klimaschutz? Ich halte diese Annäherung an individuelle Schicksale übrigens für die einzige Möglichkeit, den Menschen dazuzubringen, aufzustehen und etwas zu verändern.
Welche Konsequenzen ziehen Sie persönlich aus diesem Erlebnis?
TOKPLE: Für mich resultiert daraus Folgendes: Natürlich stand ich bereits hinter der Sache, aber jetzt kommt noch der Aspekt Mitgefühl dazu. Jetzt geht es nicht mehr nur darum, die Umwelt zu schützen, sondern jetzt geht es auch um die Leute, die man kennen gelernt hat. Sie und ihre Kinder werden durch die Entwicklungen leiden. Ich hatte zunächst eine gewisse Gelassenheit mit den Projekten, die ich plane. Aber jetzt denke ich, kann ich meine Kontakte zu diesen Leuten noch zusätzlich nutzen. Und zwar schnell.
Sie haben gehandelt und ein Projekt entwickelt. Verraten Sie uns das.
TOKPLE: Ich habe für diese Schule eine Veranstaltung entwickelt, die im Februar stattfinden wird. Denn die meisten meiner Mitschüler kriegen die Problematik nur aus den Medien mit. Die Veranstaltung enthält einen wissenschaftlichen Teil, in dem uns Experten die Fakten vermitteln. Und dann nutze ich meine Kontakte zu den Leuten in der Welt, die die Auswirkungen des Klimawandels zu spüren bekommen. Je nach Zeitverschiebung werden wir mit denen Live-Interviews machen. Mit Personen aus Brasilien und Südafrika zum Beispiel. Ihre Berichte werden wir auf die Wand in der Aula projizieren. Dadurch haben unsere Schüler auch die Möglichkeit, direkt Fragen zu stellen, wenn sie beispielsweise wissen wollen, wie es jemandem auf der anderen Seite der Welt durch den Klimawandel ergeht.
Das war Ihre Idee?
TOKPLE: Das Grundgerüst ist meine Idee. Das Ziel ist, Jugendliche aufzuklären über dieses Thema und ihnen klarzumachen, warum es nötig ist, auch global zusammenzuarbeiten, sich global dafür einzusetzen. Dann habe ich das Konzept anderen Leuten vorgestellt. Jetzt wird es nicht nur an meiner Schule, sondern auch von Schülern aus mehreren Teilen Deutschlands übernommen. Das wird ein nationales Projekt.
Ihr Programm ist nötig. Denn das Thema ist längst nicht an allen Schulen angekommen . . .
TOKPLE: Weil es nicht in den Lehrplänen verankert ist. Aber wo sonst sollen junge Leute über ein so wichtiges Thema aufgeklärt werden? Hier muss ihnen die Ernsthaftigkeit klargemacht werden. Hier sind sie gezwungen, das Thema aufzunehmen. Und erst dann hat man die Möglichkeit, Interesse zu entwickeln und sich damit auseinander zu setzen.
Sie fürchten, dass den Menschen die Problematik erst dann bewusst wird, wenn es keine Winter mehr gibt oder sie von anderen Katastrophen des Klimawandels akut betroffen sein werden?
TOKPLE: Ja. Denn man kann nicht erwarten, dass wissenschaftliche Diskussionen oder Aussagen etwas an seinem Alltagsleben ändern werden. Es gibt bereits jetzt genügend Katastrophen, die auf den Klimawandel zurückzuführen sind. Aber diese haben keine direkte, persönlich Verbindung zu uns. Deshalb ist es im Alltagsleben im nächsten Moment auch wieder verschwunden. Außer wenn Du sagst, ich kenne jemanden, dem ist das und das durch den Klimawandel passiert. Dann wird es den Zuhörer nachhaltig betroffen machen. Der Mensch wird erst eine Initiative ergreifen, wenn er mit diesem Thema auch emotional in Berührung kommt.
Was war für Sie das Schlüsselerlebnis, sich für den Umwelt- und Klimaschutz einzusetzen?
TOKPLE: Als ich das erste Mal in Togo, dem Heimatland meines Vaters, war, war es für mich ein Schock, zu erleben, wie dort mit der Umwelt umgegangen wird. Dort fahren alte Autos rum, zum Teil aus Deutschland. Zu erkennen an den Aufklebern. Ihr Verhalten kann man den Leuten nicht vorwerfen, die habe andere Probleme. Später wurde mir klar, dass Umweltverschmutzung und Klimawandel unmittelbar zusammenhängen. Diese Thema Klimawandel umfasst alles von Armut über Menschenrechte und Zerstörung. Natürlich erfährt man etwas aus den Medien. Aber man weiß nicht, wo man da hinhören soll. Einerseits hört man: Ja, Klimawandel, man muss was tun, andererseits gereicht es zur Panikmache, die Welt geht unter. Oder - schlimmer noch - der Klimawandel bringt doch nur Vorteile.
Das klingt, als würden Sie ihre gesamte Freizeit in ihr Engagement stecken.
TOKPLE: Es ist mein Hobby. Meine Eltern stehen auch hinter mir und sind sehr begeistert von dem, was ich mache.
Wie sehen Ihre Klima- und Umweltschutzmaßnahmen im alltäglichen Leben aus?
TOKPLE: Das fängt bei den Kleinigkeiten an. Bei uns brennt nirgendwo Licht, wenn keiner in diesem Raum ist. Brotdose statt Plastiktüte, keine Heizung ist in der Nacht an. Und wenn die an ist, dann nie volle Leistung, eher unter dem nötigen Limit. Das sind aber auch Dinge, die ich ohnehin von klein auf gelernt habe.
Das Gespräch führte Werner Röder
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