Von Beatrix Lampe, 29.07.09, 15:33h, aktualisiert 29.07.09, 15:33h
Jetzt stehen sie vor dem „Weltgericht“, über dem der göttliche Richter thront und eine unübersehbare Schar von Menschen aufteilt - in die, die zur Hölle fahren und jene, die ins Paradies eingehen. Und sie bewundern Stephan Lochners Fähigkeit, den Weg zur Seligkeit mit Farben und Symbolen so eindrucksvoll zu schmücken.
Museumspädagogin Astrid Westerfeld hat die Redakteure und die Kunstschaffenden mit Puzzlekärtchen auf die Suche nach dem richtigen Bild gebracht. Martin Weser (25), der in zehn Jahren Redaktionsmitarbeit schon über Themen wie „Luxus“, „Baby“ und „Liebe“ geschrieben hat, hält ein rotes Puzzlestückchen hoch - dieses kostbare Rot erkennt er im Gewand des Weltenrichters wieder. „Wahnsinn - wahnsinnig schön gemalt“, staunt er. Andere Teilnehmer der „Paradies“-Führung finden das gesuchte Bild, indem sie nach den Teufelsfratzen, Engelsflügeln, Paradiespforten oder dem Höllenfeuer suchen, die sie auf ihren Puzzlekärtchen gefunden haben.
Die symbolreiche Bildsprache, die verwendeten Farben, die Gesellschaftskritik des Künstlers - an diesen Themen der Führung sind die Gäste ungemein interessiert. „Unsere Redakteure können sehr lange hoch konzentriert an einem Thema arbeiten. Darüber staunen viele, die keine Erfahrung mit Menschen mit Down-Syndrom haben“, sagt Redaktionsleiterin Dr. Katja de Bragança. Voraussetzung sei allerdings, dass sich die „Ohrenkuss“-Redakteure in ihrem Interesse ernst genommen fühlten statt etwa in Kindersprache angeredet zu werden. Eine Kunst-Begegnung auf Augenhöhe, wie sie die Museumspädagogin im WRM gestalte, sei großartig, aber leider in Kultureinrichtungen durchaus nicht der Regelfall, hat die Redaktion schon mehrfach erfahren müssen.
Astrid Westerfeld macht ihre Besucher mit dem Maler und seinem Bild vertraut, drängt ihnen aber keine Deutungen auf. So kommt die „Ohrenkuss“-Redaktion zu ganz eigenen Einsichten. „Man müsste ein Engel werden“, fasst Julia von Schönfeld (18) das zusammen, was Lochner als Weg zum Himmel gemalt hat. Wer sich hingegen, wie im gotischen Gemälde dargestellt, dem Laster hingibt, muss nach Einschätzung von Christiane Grieb damit rechnen, am Ende „alles andere als schön“ auszusehen und in die Hölle zu fahren.
Geruch nach intensivem BlauIhr Probe-Stückchen Paradies malen die Redakteure und Künstlerinnen mit Down-Syndrom mit selbst hergestellter Ei-Tempera, in die Museumspädagogin Astrid Westerfeld das früher so kostspielige Ultramarinblau gerührt hat. Das ist ein Farbton, der nach Julias Worten sogar „intensiv blau riecht“. Martin malt eine Wolke, Christiane ein Herz, andere Teilnehmer sehen in einem lächelnden Gesicht oder in sanften Wellen ihren kleinen Himmel - wobei der keineswegs unbedingt blau sein muss: „Für mich ist der Himmel ist so golden wie ein Heiligenschein“, sagt Birgit Meiser. Fest an das Gute zu glauben, auf der Welt nicht immer nur das Schlechte zu sehen - das ist ihr wichtig. Und deshalb ist sie, wie die anderen Teilnehmer, hingerissen von der sanft lächelnden „Madonna im Rosenhag“, die zweites Ziel der Führung ist.
Mühelos erschließt sich den Besuchern, wie Lochner in diesem Bild das Paradies durch einen Vorhang aufscheinen lässt, und jeder Betrachter erträumt sich seinen Himmel anders: Fliegen können, auf Wolke Sieben schweben, den Duft von Rosen und Schokolade genießen oder den ganzen Tag Lieblingsmusik hören - die konzentrierten Mienen werden bei diesen Träumen ganz hell.
Wie sehr sie es genießen, mit ihren Begleiterinnen aus der Redaktion und aus der kreativen Werkstatt über das Paradies zu forschen, wird bei Astrid Westerfelds Frage deutlich, wen oder was die Teilnehmer denn mit in ihren persönlichen Himmel nehmen würden. Gleich mehrere Besucher müssen darüber gar nicht lang nachdenken: Jutta Pöstges von der Werkstatt „Allerhand“ und Katja de Bragança von der „Ohrenkuss“-Redaktion, die sollen mit im Himmel sein. Was für eine schöne Liebeserklärung!
Nach dem an die Besichtigung anschließenden kreativen Schreib- und Maltag im Wallraf-Richartz-Museum deutet sich an: Die neue Ausgabe des „Ohrenkuss“-Magazins wird einfach paradiesisch.
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