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Buback-Interview

„Es gab eine schützende Hand“

Von Christian Rath, 30.08.09, 12:40h, aktualisiert 30.08.09, 14:34h

Nach der Verhaftung der früheren RAF-Terroristin Verena Becker werden Forderungen nach vollständiger Aufklärung laut. Der Sohn des Opfers, Michael Buback, glaubt, dass Becker von einflussreichen Personen im Staatsapparat beschützt wurde.

Michael Buback
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Michael Buback, Sohn des 1977 ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback. (Bild: dpa)
Michael Buback
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Michael Buback, Sohn des 1977 ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback. (Bild: dpa)
KÖLN - Kölner Stadt-Anzeiger: Herr Buback, Verena Becker wurde verhaftet, gilt aber immer noch nicht als Todesschützin. Sind Sie enttäuscht?

Michael Buback: Nein. Ich bin sehr erleichtert, dass jetzt auch die Bundesanwaltschaft einen dringenden Tatverdacht bei Verena Becker sieht. Nun hoffe ich, dass es zu einem Prozess kommt, in dem geklärt wird, wie Verena Becker in den Karlsruher Anschlag verwickelt war.

Kölner Stadt-Anzeiger: Die Bundesanwaltschaft sagt, sie habe keine Beweise, dass Becker Ihren Vater erschossen hat...

Buback: Darauf dass Verena Becker geschossen haben könnte, weisen aber die Aussagen mehrerer Augenzeugen hin, die eine zierliche Frau auf dem Soziussitz des Tatmotorrads erkannt haben.

Kölner Stadt-Anzeiger: Wie sollen Zeugen, die vor 30 Jahren eine zierliche Person gesehen haben, heute Verena Becker als Schützin identifizieren?

Buback: Das können sie wohl nicht, aber es geht um etwas anderes: Das BKA hat am Tag nach der Tat Christian Klar, Günther Sonnenberg und Knut Folkerts als mutmaßliche Täter bezeichnet. Alle drei sind groß. Und auch auf Stefan Wisniewski, gegen den seit 2007 ermittelt wird, passt die Beschreibung der Augenzeugen nicht, wonach eine zierliche Person hinten auf dem Motorrad gesessen hat.

Kölner Stadt-Anzeiger: Aber warum soll diese zierliche Person gerade Verena Becker gewesen sein?

Buback: Günter Sonnenberg war schnell als Mieter des Motorrads identifiziert und der damalige BKA-Einsatzleiter berichtete, dass noch am Tattag Verena Becker und Christian Klar als dessen Kontaktpersonen feststanden. Am Tag des Anschlags wurde auch nach Becker gefahndet. Dann aber bald nicht mehr, und Knut Folkerts wurde neben Klar und Sonnenberg zum dritten Tatverdächtigen. Diese drei Männer gelten noch heute als das offizielle Tätertrio.

Kölner Stadt-Anzeiger: Sie sprechen von mehreren Augenzeugen, die eine zierliche Person erkannt haben. Gibt es neue Aussagen?

Buback: Ja, vor einigen Monaten meldete sich bei mir eine Frau, die nach den ersten Schüssen das gesamte Attentat von ihrem Dienstzimmer aus mit uneingeschränktem Blick und ohne eigenes Risiko beobachtet hat. Sie sagte, von der Silhouette her habe eine Frau auf dem Soziussitz gesessen, deutlich - etwa um eine Kopflänge - kleiner als der Fahrer. Die Zeugin war entsetzt über die Brutalität dieser zierlichen Person, die auch geschossen habe.

Kölner Stadt-Anzeiger: Warum hat die Aussage dieser Frau bei den Prozessen gegen Folkerts 1980 und Klar 1985 keine Rolle gespielt?

Buback: Das wüsste ich auch gern. Die Aussage wurde am Tag des Anschlags von einem Ermittler aufgenommen, aber die Frau wurde nicht als Zeugin vor Gericht geladen. Die Zeugin kann sich im Übrigen nicht mit der ihr zugeordneten, damals in die Akten gelangten Aussage identifizieren. Diese enthält auch nichts von der Brisanz dessen, was die Zeugin mir, aber auch der Bundesanwaltschaft jetzt berichtet hat. Das Protokoll der Aussage wurde ihr damals nicht vorgelegt. Es ist somit auch nicht von ihr unterschrieben. Ähnliche Merkwürdigkeiten gab es auch bei der Aussage eines anderen Zeugen, der eine zierliche Frau auf dem Motorrad gesehen hatte.

Kölner Stadt-Anzeiger: Was schließen Sie daraus?

Buback: Es fällt auf, dass sich die vielen Merkwürdigkeiten, Fehler und Versäumnisse, die ich in meinem Buch "der zweite Tod meines Vater" im Detail beschreibe, bei den damaligen Ermittlungen jeweils zugunsten einer zierlichen Frau auswirkten. Das kann sich in dieser Fülle kaum zufällig ereignet haben, da es zu unwahrscheinlich wäre. Somit definiert dieser geradezu systematische Trend bei den Ermittlungen in meinen Augen, dass es eine schützende Hand für eine mutmaßliche Täterin gegeben hat.

Kölner Stadt-Anzeiger: Sie glauben also, Verena Becker wurde vom Staat gedeckt?

Buback: Nicht vom Staat und das Wort "Deckung" möchte ich durch "Schutz" ersetzen. Es gab wohl einige wenige Personen, die eine schützende Hand über sie hielten.

Kölner Stadt-Anzeiger: Kann es wirklich sein, dass die Bundesanwaltschaft damals den Mord an ihrem ehemaligen Chef nicht richtig aufklären wollte?

Buback: Es erscheint mir durchaus möglich, sogar wahrscheinlich, dass Beamte der Bundesanwaltschaft nicht umfassend informiert, vielleicht sogar getäuscht wurden und sie von Schutzmaßnahmen nichts wussten und derartiges wohl auch nicht für möglich gehalten hätten. Allerdings müsste Generalbundesanwalt Kurt Rebmann mehr gewusst haben.

Kölner Stadt-Anzeiger: Und warum sollte Verena Becker gedeckt werden?

Buback: Es könnte sein, dass sie bereits 1977 oder sogar noch früher eine Kooperation mit Geheimdiensten hatte. Dann wäre es unangenehm gewesen, wenn herausgekommen wäre, dass sie am Attentat auf den Generalbundesanwalt beteiligt gewesen sei.

Kölner Stadt-Anzeiger: Glauben Sie, dass es auf Staatsseite Mitwisser gab, die das geplante Attentat sogar bewusst geschehen ließen?

Buback: Ich will hier nicht spekulieren. Zunächst muss Verena Beckers Tatbeitrag sicher geklärt werden.



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