Von Jan Sting, 15.07.10, 13:25h
Eine Leihgabe des Ruderverbands NRW. In Finnland wurden solche Holzboote früher von den Kirchbesuchern abgelegener Inseln gerudert, die wahrscheinlich auch während der Fahrt manches Gebet loswurden. Heute wirken sie eher historisch, ja geradezu königlich. Als Prinzessin Victoria von Schweden und Daniel Westling jüngst ihre Traumhochzeit in Stockholm feierten, wurden sie auf der Schaluppe „Vasaorden“ von 18 Ruderern in den Hafen der Ehe manövriert. Das goldene Boot hat sogar eine goldene Kabine.
Privilegiertes KielschweinEin etwas bescheidenerer Thron ist da im Vergleich die Plastikkiste, auf die man in Stammheim zugestiegen ist. Eine selten schöne und auch lustige Bootsfahrt zum Fest des hundertjährigen Bestehens der RTHC-Ruderabteilung steht bevor. Allerdings macht die sengende Hitze zu schaffen. Bis zu sieben Sprudelflaschen pro Mann und Maus sickern während des Wanderruderns durch die Kehlen und gehen gleich wieder durch die Haut. Die Strecke von Bad Honnef bis Neuss ist knapp hundert Kilometer lang und stramm. 16 bis 18 Schlag pro Minute macht die bunt gemischte Gruppe unter Fahrtenleiter Heinrich Steude. Zehn Stunden lang rollt sie auf ihren Sitzen bei jeder Ruderbewegung vor und zurück.
Ein bisschen erinnert das Kirchboot an eine Galeere. Die Betitelung als „Kielschwein“ wirkte zuerst ein bisschen beleidigend. Erst allmählich wird dem Autor klar, dass sein Platz ein sehr privilegierter ist. Nur wer krank ist oder in Seenot, darf hier sonst sitzen. Knapp zwölf Meter entfernt im Heck sitzt Steuermann Horst Kromer und gibt mit sonorer Stimme und stoischer Ruhe Kommandos wie „Backbord“, „Steuerbord“ oder „Trinkpause“ - ein verantwortungsvoller Posten. Schnell muss das Boot manövrieren können, wenn dicke Frachtschiffe wie die „Wilhelmina“, die „Bellissima“ oder „Cassiopeia“ ihre großen Wellen schlagen. Das Kirchboot schwappt und schmatzt und der Schreibblock ist schnell nass - eine Nussschale, in der man flugs nachrechnet, wie lange eigentlich die Prüfung zum Seepferdchen zurückliegt.
Abenteuer mit Flusspferd und LoreleyDoch die RTHC-Ruderfreunde kann so schnell nichts schrecken. Ausdauerndes Rudern sind sie von der Langstrecken-Ruderregatta „Vogalonga“ gewohnt, an der sie im vergangenen Jahr mit dem Kirchboot in Venedig teilnahmen. Die Unwägbarkeiten der Loreley hat man bereits bewältigt und auch schon einmal Nebel oder Hagelschauer auf dem Wasser erlebt. Allerdings ist zeitgleich zur Jubiläumstour ein Gewitter angesagt und Steuermann Kromer hat im Blick, dass die Pausen nicht zu lange geraten. Dem Passagier im Bug kann es nur Recht sein. Denn die Perspektive aus dem Boot ist faszinierend, fast so, als sei hier auf dem Wasser die Zeit ein bisschen stehen geblieben. Der Blick schweift über das Wasser in eine abwechslungsreiche Flusslandschaft. Auf Sandbänken und Campingplätzen machen es sich die Sonnenbadenden gemütlich. Es gibt funktionale Industriehäfen, aber auch wilde Auen, in denen wohlgemerkt Reit- und keine Flusspferde grasen.
Sätze wie „das ist für mich reine Meditation“ lassen sich gut nachvollziehen. Jens Igert sieht das so. 10 000 Kilometer rudert er im Jahr. Und der Sport ist seiner Auffassung nach die ideale Art vom Job, dem Bildschirm und dem Betrieb abzuschalten. Schade findet Igert nur, dass es immer weniger Ruderer mittleren Alters in die Boote zieht. Senioren dagegen findet man im Sport häufig. Für junge Menschen sei Rudern ein prima Training um sich im Team zu arrangieren, sagt Igert. Denn schnell merke man, was es bedeutet, gemeinsam in einem Boot zu sitzen.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige