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Interview

Voneinander lernen

Erstellt 10.08.10, 15:24h

40 Jahre hat Uta Faßbender im Schuldienst gearbeitet: 20 Jahre in der Opladener Grundschule Herzogstraße, dann als Schulrätin für den Rheinisch-Bergischen Kreis und zeitweise auch für Leverkusen. Jetzt geht sie in den Ruhestand.

Uta Faßbender
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Leverkusen - Das schaffen nur noch wenige: 40 Jahre hat Uta Faßbender im Schuldienst gearbeitet: 20 Jahre in der Schulleitung der Opladener Grundschule Herzogstraße, dann als Schulrätin für den Rheinisch-Bergischen Kreis und zeitweise auch parallel als Schulrätin für Leverkusen. Jetzt geht die Pädagogin mit 63 Jahren in den Ruhestand.

Ihr Wahlspruch lautet "Große Ziele, kleine Schritte".

UTA FASSBENDER: Ja, der kommt den Schulleitern schon zum Hals heraus. Aber ich habe das immer so gemacht, auch schon damals, als ich noch in Opladen war.

Dort arbeiteten sie 20 Jahre in der Schulleitung, bevor sie Schulrätin wurden: Da müssen Sie gut wissen, was für eine positive Schülerkarriere wichtig ist.

FASSBENDER: Der Knackpunkt ist das erste Schuljahr, das heißt der gelingende Übergang vom Kindergarten zur Schule. Das ist die wichtigste Nahtstelle. Es geht um Stärkung des Selbstwertgefühls, Beibehaltung der Lernfreude und Motivation. Das, was am meisten motiviert, ist Erfolg. Auch die anderen Übergänge sind sehr wichtig: der zur weiterführenden Schule und der Übergang Schule-Beruf. Aber da laufen schon viele Projekte, und dort geht es leider oft nur noch um Reparatur.

Sie befürworten den jahrgangsübergreifenden Unterricht?

FASSBENDER: Ja, die Jüngeren lernen durch den Ansporn der Älteren schneller und Wiederholer müssen nicht in eine völlig neue Gruppe. Außerdem können gut begabte Kinder besser gefördert werden. Ich habe schon in den 1970er Jahren angefangen, so zu denken. Zuerst habe ich in Opladen heimlich den Unterricht differenziert und meine Arbeitsmittel eingeschlossen. Die hatte ich oft mit engagierten Eltern abends selbst hergestellt. Anfang der 90er Jahre habe ich dann jahrgangsübergreifend unterrichtet, erst drei Jahre mit einer Kollegin zusammen zur Probe. Danach zogen die Kollegen mit, weil es viele Vorteile hat. Ich bin ein Fan des Lernens voneinander. Das gilt auch für das Miteinander behinderter und nichtbehinderter Kinder.

Auch bei der Ganztagsbetreuung hatten Sie die Nase vorn.

FASSBENDER: Die haben wir an unserer Schule Herzogstraße schon in den 80er Jahren eingeführt, inklusive Mittagessen.

Warum wechselten Sie ins Schulamt nach Bergisch Gladbach?

FASSBENDER: Ich wollte die Unterrichts- und Schulentwicklung für mehr als eine Schule gestalten. Das Arbeitsspektrum ist noch größer als in der Schule.

Wie schafften Sie es, neben der Familie, parallel als Schulrätin für Leverkusen tätig zu sein?

FASSBENDER: Es kostete Kraft, aber die Schullandschaft dort ist mir ja vertraut. Deshalb sprang ich ein, als es Vakanzen gab.

Was macht eine Schulrätin eigentlich?

FASSBENDER: Gemeinsam mit Boris Preuss betreue ich die 53 Grundschulen des Kreises. Neben der Unterrichts- und Schulentwicklung beschäftige ich mich mit Stellenbesetzung, Förderbedarf, Offener Ganztagsschule, Beschwerde- und Konfliktmanagement. Ich habe nicht nur mit Schulen, sondern auch Eltern zu tun, denn ich muss im Jahr etwa 200 Entscheidungen fällen, ob und welchen sonderpädagogischen Förderbedarf ein Kind hat. Damit sind die Eltern oft nicht einverstanden.

Und dann?

FASSBENDER: Gespräche, Klagedrohungen, Gespräche. Ich bin stolz, dass ich nicht ein einziges Mal vor Gericht gestanden habe. Das ist ungewöhnlich. Wir haben mit den Eltern immer einvernehmliche Lösungen gefunden. Mein Verständnis für Eltern aus meiner Schulleiterzeit kommt mir zu Gute. Lehrer sehen Eltern oft als Gegner, aber ich habe es immer wichtig gefunden, die Eltern einzubeziehen.

Was bringt die Zukunft?

FASSBENDER: Weil es weniger Kinder gibt, wird es mehr Schulverbünde geben müssen. Im Rheinisch-Bergischen Kreis gibt es bereits seit 2007 zwei Verbundschulen, beide in Wermelskirchen. Dort und in Kürten ist der demografische Wandel am stärksten. Verbundschule heißt, dass die Standorte erhalten bleiben, aber die Kollegien zweier Schulen verschmelzen - mit nur einem Schulleiter. Das soll vor allem den Fachunterricht sicherstellen, die Lehrer müssen dann aber womöglich pendeln. Der zweite Punkt, der kommen wird, ist Inklusion.

Was ist das?

FASSBENDER: Das bedeutet die Integration aller Kinder, auch verhaltensauffälliger oder behinderter Kinder in den normalen Schulbetrieb, und das wohnortnah. Bisher gibt es im Rheinisch-Bergischen Kreis an 16 der 53 Schulen den gemeinsamen Unterricht für Kinder mit Lern- und Entwicklungsstörungen. Etliche Schulen unterrichten körperbehinderte Kinder, aber nur zwei Schulen - Kürten-Olpe und Leichlingen-Witzhelden - haben Erfahrungen mit geistig behinderten Schülern in Regelklassen.

Was sollten Schwerpunkte der Schulen für die Zukunft sein?

FASSBENDER: Zum einen mehr individuelle Förderung der Schüler und mehr herausforderndes Lernen. Zum anderen bessere Übergänge, vor allem in die erste Klasse.

Können Sie da im Ruhestand tatenlos zuschauen?

FASSBENDER: Ich glaube nicht. Ich möchte gern beratend tätig sein. Ich brenne immer noch.

Das Gespräch führte Ute Glaser

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