
Von Werner Röder, 28.10.08, 14:59h
Die Kulisse wird vom lieben Gott geliefert und die Inszenierung vom Naturschutzbund Rhein-Berg, der fürs Konzept verantwortlich ist. Gut, vermutlich lädt jeder Wanderweg samt seinen Verlockungen der Natur zum Verweilen. Und jeder Wanderweg am Rande eines urbanen Molochs ist ein begehbares Juwel. Aber dieser hier hat noch mehr zu bieten, denn dieser ist ein Obstweg. Und Obstbäume sind, seit sich der Mensch ihrer Früchte bedient, das Poesiealbum einer Landschaft. Außerdem kreieren sie im Jahreslauf viermal eine neue Haute Couture für den Laufsteg der Natur. Und dann konkurriert zum Beispiel die frühlingshafte Blütenpracht mit der Erinnerung an die opulente Farbpalette, die der Herbst parat hält. Will sagen: Vier Mal - mindestens - ist dieser Pfad einen Ausflug wert.
Auf diesem Obstweg wandern Sie durch Täler und über Hügel mit der Hauptattraktion Streuobstwiesen. Ihre Pracht entfalten sie auf den Höhen von Leverkusen. Hier stehen die meisten Obstbäume. Apfel-, Birnen-, Kirsch- und Zwetschgenbaum, Speierling und Quitte leben hier in einer Harmonie, wie sie unter Menschen nur in der Vielvölkerstadt New York oder in Wiesdorf möglich ist. Sie werden hier oben das Geräusch der Autobahnen vermissen, die Leverkusen kreuzigen. Dafür hört man den vorwitzigen Grünspecht, der auf der Liste der bedrohten Tierarten verankert ist. Wie auch der hier heimische Siebenschläfer oder der Steinkauz, der in Atzlenbach brütet.
Wir passieren Atzlenbach, dessen Häuschen für die Landschaft der Spielzeugeisenbahnen Model gestanden haben müssen. Dieses Dörfchen lädt grundsätzlich zum Verweilen. Wie die Hofläden am Wegesrand, an denen Sie Kaminholz oder Eier oder gar Staudenraritäten erwerben können, die man in einem Fach- oder Baumarkt vergeblich sucht. Hier, auf der Obstwiese nebenan, pflegt der „Geflammte Kardinal“ die Nachbarschaft zu „Kaiser Wilhelm“. Zwei köstliche einheimische Obstsorten.
Hier ist auch der Wendepunkt, zurück zum Naturgut, vorbei an der Idylle der Grunder Mühle Richtung Unterölbach. Und dort, wo die häufigen Wegbegleiter Ölbach und Wiembach aufeinandertreffen, freuen wir uns im Mai auf das Tausendguldenkraut und im Juni lassen wir den Großen Klappertopf klappern. Seinen Namen verdankt der Klappertopf seinen reifen Früchten, in denen die Samen klappern, wenn sie bewegt werden.
Im Juni nehmen wir natürlich auch wieder die große Variante. Sonne ist dann auch wahrscheinlich. Aber die brauchen wir ohnehin nicht. Die haben wir längst im Herzen.